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BiomAlpha – Uwe Hermann – Vorboten des Schwarms

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Uwe Hermann
Vorboten des Schwarms

März 2025, Manly – Stadtteil von Sydney in Australien

Das uTab klingelte nun schon zum dritten Mal innerhalb von zehn Minuten. Noah Wilson ärgerte sich über die Störung. Der schlanke Sechsundzwanzigjährige lag auf der Rückbank seines klapprigen Ford Cabrios, die Füße übereinandergeschlagen, und versuchte in der warmen Mittagssonne von Sydney einzuschlafen. Sein Wagen stand im Schatten zweier Goldakazienbäume, und vom Pazifik, der nur einen Parkplatz weit entfernt lag, wehte salzige Meeresluft herüber. Einige Surfer tanzten mit ihren Brettern auf den Wellen.

Noah versuchte den Anrufer zu ignorieren, aber der war nicht nur lästig, sondern auch ausdauernd.

Eine Möwe kreischte über ihm und beschwerte sich über den Lärm. Noah konnte sie nur zu gut verstehen. Er wäre ja ans uTab gegangen, aber das lag vorne in der Mittelkonsole, von seiner jetzigen Position aus unerreichbar. Und das Letzte, was er wollte, war, sich zu bewegen. Außerdem ahnte er, wer schon wieder anrief.

»Ruhe!«, knurrte er, doch davon ließ sich das Telefon nicht beeindrucken.

Das Klingeln hielt an und Noah richtete sich schließlich wütend auf, griff über den Fahrersitz hinweg nach dem uTab und schaltete es ein.

Er hatte eine scharfe Bemerkung auf der Zunge, die er aber sofort vergaß, als er die bildhübsche Frau auf dem Display sah.

Sie war etwas älter als er, hatte kurze schwarze Haare, bernsteinfarbene Augen und war eindeutig wohlhabend. Darauf deuteten nicht nur ihr Schmuck und ihre teure Kleidung hin, sondern auch die Möbel, die Noah im Hintergrund erahnen konnte.

»Gott sei Dank, dass ich Sie erreiche«, sagte sie erleichtert. »Mein Name ist Patricia Mayland, ich brauche Ihre Hilfe.« Ihre Stimme zitterte.

Noah hätte gerne geglaubt, dass sein Aussehen Schuld an ihrer Aufregung war, aber nachdem er die letzten Tage im Auto übernachtet hatte, war wohl eher das Gegenteil der Fall. Er rutschte in eine bequeme Sitzposition.

»Wie kommen Sie an meine Telefonnummer?«, fragte er und überlegte, woher die dunkelhaarige Schönheit ihn kennen konnte.

Sie schaute verwirrt. »Aus dem Branchenverzeichnis … Sie sind doch Noah Wilson, der Kammerjäger?«

»Natürlich«, sagte Noah. Eigentlich hatte er die Kammerjägerphase in seinem Leben bereits wieder beendet, bei dieser gut aussehenden und wohlhabenden Frau würde er jedoch eine Ausnahme machen.

Auch diese Phase hatte – wie so viele Phasen in seinem Leben zuvor – nur ein paar Wochen angehalten. Freunde hatten ihm erzählt, dass es in Sydney mehr Kakerlaken gab als menschliche Einwohner und dass man als Kammerjäger ohne große Anstrengung viel Geld verdienen konnte. Man brauchte nur die richtigen Chemikalien und einen großen Besen, um die toten Tiere hinterher zusammenzufegen. Genau das hatte Noah gesucht! Seiner Meinung nach war Arbeit nur dann akzeptabel, wenn sie nicht anstrengend war, wenig Zeit kostete und viel Geld einbrachte. Also hatte er über das Internet mehrere Kanister mit illegalen Pestiziden bestellt und sich als Kammerjäger ins Telefonbuch eintragen lassen. Gleich der erste Auftrag war jedoch ein Reinfall gewesen. Zwar hatte er alle Küchenschaben erledigt, aber seine Pestizide waren so hochgiftig, dass sie auch gleich den Hund des Auftraggebers mit um die Ecke gebracht hatten. Seitdem trieb sich der nachtragende Hundebesitzer vor seiner Wohnung herum und Noah musste im Auto schlafen.

Er rieb sich müde die Augen. »Worum geht es denn?«

Die Frau blickte ihn verwundert an. »Habe ich Sie geweckt?« Sie drehte kurz den Kopf zur Seite. »Es ist fast Mittag.«

Noah nickte. »Ich hatte gestern Nacht einen langen Einsatz«, log er. »In meinem Beruf gibt es keine festen Arbeitszeiten. Wenn der Kunde ruft, komme ich.«

»Dann sind Sie genau der Richtige für mich. Bei mir wimmelt es von Ratten!«

Noah konnte sich ein Grinsen kaum verkneifen. Wahrscheinlich hatte sie nur ein verirrtes Beuteltier gesehen, war jedoch so hysterisch, dass sie daraus gleich eine Meute Ratten machte. Das hieß, sie würde keine Einwände gegen einen saftigen Preisaufschlag haben.

»Ratten lassen sich normalerweise nicht blicken. Es sei denn, sie sind krank oder etwas hat sie vertrieben. Was haben Sie denn genau gesehen?«

»Eine tote Ratte! Sie liegt bei mir im Garten.«

»Nur ein Tier?«, fragte Noah vorsichtig.

Sie verzog das Gesicht. »Ja, aber es sind viel mehr. Ich kann sie hören! Sie sind in den Hohlräumen der Wände.« Sie schaute sich kurz um, als hätte sie wieder etwas gehört. »Bitte kommen Sie vorbei und helfen Sie mir!«

»Wo wohnen Sie denn?«, fragte Noah.

Patricia schickte ihm ihre Adresse auf sein uTab. Ihr Haus lag in einer der wohlhabenden Gegenden von Sydney, ein weiterer Grund, warum Noah hinfahren würde. Außerdem hatte er noch den ganzen Kofferraum voller illegaler Pestizide, für die er viel Geld bezahlt hatte.

»Ich schau mal, wann ich Zeit für Sie habe«, sagte Noah. Er griff wahllos nach einem der vielen Zettel, die im Fußraum seines Autos verstreut lagen, und fischte einen davon heraus. Es war die Rechnung über eine Pizza mit Salat aus einem Schnellimbiss. Er hielt sie nur kurz in den Aufnahmebereich der uTab-Kamera.

»Ich habe noch zwei wichtige Aufträge …«, murmelte er und tat so, als studiere er eine Kundenliste. »Aber wie wäre es mit morgen Nachmittag?«

»Nein!«, kreischte sie entsetzt. »Ich kann nicht bis morgen warten. Sie müssen sofort kommen!«

Noah ließ sie noch ein wenig zappeln. Als sie auch den unverschämtesten Aufpreis akzeptierte, der ihm einfiel, machte er sich auf den Weg.

Hoffentlich hat die Dame keinen Hund, dachte er.

Sein Navigationsgerät schickte ihn über den M4 Western Motorway und die Hill Road, vorbei am Olympiagelände, wo die Vorbereitungen für die diesjährige Landwirtschafts¬ausstellung liefen. Dort geriet er prompt in einen Stau. Eine halbe Stunde lang ging es nur im Schritttempo weiter. Dann ließ er die Homebush Bay hinter sich und der Verkehr nahm ab. Unterwegs hielt Noah noch an einem Coffeeshop an. Er frühstückte – auch wenn es bereits nach Mittag war – und benutzte ausgiebig die Waschgelegenheit auf der Toilette. Er konnte dieser wunderschönen Frau schließlich nicht gegenübertreten, als hätte er die letzten Tage im Auto verbracht.

Als Noah endlich die Einfahrt zu ihrem protzigen Einfamilienhaus hinauffuhr, war es spät am Nachmittag. Er parkte seinen alten Ford, der vor dem Eingang des weiß geklinkerten zweistöckigen Nobelhauses deplatziert wirkte.

Noah stieg aus, ging den Weg hinauf zur Tür und klingelte. Beruhigt registrierte er, dass kein Hund bellte. Das würde die Sterblichkeitsrate Unbeteiligter deutlich verringern.

Niemand öffnete. Also klingelte Noah erneut.

»Hallo, Frau Mayland, hier ist Noah Wilson! Ich sollte vorbeikommen!« Ein paar Häuser weiter schlug ein aufmerksamer Hund an.

Im Haus seiner Auftraggeberin war nichts zu hören. Noah wartete noch einen Moment, dann blickte er durch eines der Fenster ins Innere. Dahinter bewegte sich nichts. Patricia Mayland hatte ihn doch nicht etwa vergessen?

Da sie offensichtlich keinen Hund besaß, war es relativ ungefährlich, sich ein wenig umzuschauen. Noah ging an der Fensterfront des Hauses entlang bis zu einer Mauer, die das Grundstück zur Straße hin abgrenzte. Durch eine unverschlossene Tür gelangte er in den Garten. Dort blieb er noch einmal stehen, um laut zu rufen. Aber es blieb ruhig, nur der Nachbarhund bellte erneut. Noah schaute sich um. Über sich an der Hauswand entdeckte er Überwachungskameras. Er winkte freundlich, um nicht den Anschein zu erwecken, er wäre ein Einbrecher.

Der Garten war ähnlich beeindruckend wie das Haus. In den Beeten und auf der Rasenfläche wuselten ein halbes Dutzend igelähnlicher Roboter herum, beseitigten Unkraut und stutzten den Rasen. Selbst in der rückwärtigen Hecke, die das Grundstück vor den Blicken der Nachbarn schützte, glaubte Noah Bewegungen erkennen zu können. Rundherum blühten Ziersträucher und ein von Akazienbäumen gesäumter Weg mit weißen Marmorplatten führte zu einer überdachten Terrasse an der Rückwand des Hauses.

Spontan fragte er sich, ob Patricia Mayland verheiratet war. Bislang hatte er die Möglichkeit, durch Heirat an Geld zu kommen, völlig außer Acht gelassen. Sicher, die Frau war ein paar Jahre älter als er, aber sie sah immer noch gut aus und hatte offensichtlich genug Geld für zwei.

Noah lief über den Rasen zur Terrasse. Eine tote Ratte entdeckte er nicht, ebenso wenig den Kadaver eines Beuteltieres.

Die Terrassentür stand halb offen. Dahinter befand sich ein kleines Arbeitszimmer mit einem Schreibtisch, auf dem ein großes uTab Pro stand.

Noah klopfte an das Glas der Terrassentür. »Hallo, Mrs Mayland! Hier ist Noah Wilson!«

Nichts! Noah hatte in seinem Leben selten weniger Aufmerksamkeit bekommen.

Er zögerte.

Plötzlich fiel ihm etwas ein und er fragte sich, warum er nicht früher darauf gekommen war. Er holte sein uTab aus der Tasche und wählte die Telefonnummer, die beim Anruf der Frau übermittelt worden war. Im Haus klingelte ein Telefon. Erneut wartete Noah vergeblich. Dann gab er sich einen Ruck. Er schob die Terrassentür ganz auf und betrat das Arbeitszimmer. Es war so luxuriös eingerichtet, wie er erwartet hatte. Noah konnte sich gut vorstellen, hier zu leben.

Auf dem Schreibtisch lag ein uTab. Die Foto-App präsentierte die Aufnahme eines Akazienbaumes, von dessen Ästen eine blaue Substanz in langen Fäden zu Boden tropfte. Eine Berührung des Bildschirms holte eine weitere Aufnahme nach vorne. Diese zeigte einen toten Dingo mit blauverschmiertem Fell, weit aufgerissenen Augen und gefletschten Zähnen. Noah lief ein Schauer über den Rücken. Er erinnerte sich an diesen Zeitungsbericht aus Kanada, in dem von einem verschwundenen Ehepaar berichtet worden war, das angeblich ein Alienraumschiff entdeckt und sich dabei infiziert hatte. Auch dort war von einer klebrigen, blauen Substanz die Rede gewesen. Mit einem beklommenen Gefühl im Bauch ging er weiter.

Vom Arbeitszimmer aus gelangte er in einen hell erleuchteten Flur. Eine geländerlose Treppe führte in den zweiten Stock hinauf. Er ignorierte sie und kam in das Wohnzimmer. Auf einem großen Eichentisch stand eine Vase mit frischem Obst. Daneben lag ein Schlüsselanhänger mit dem Zündschlüssel einer Nobelautomarke. War Patricia Mayland doch zuhause? Noah rief noch einmal ihren Namen.

Dann stutzte er. Einer der Stühle war umgefallen. Noah blieb ruckartig stehen. Das Haus war so perfekt, dass ein umgefallener Stuhl nicht ins Bild passte. Zum ersten Mal kam ihm der Gedanke, dass Mrs Mayland etwas zugestoßen sein könnte. Immerhin war sie wohlhabend und ebenso wie er hätte auch jeder andere das Haus betreten können. Noah spielte kurz mit dem Gedanken, schnellstens wieder zu verschwinden, aber es konnte gut sein, dass sie gestürzt war und Hilfe brauchte. Ihm gefiel die Vorstellung, als strahlender Retter aufzutauchen. Also hob er den Stuhl auf und ging vorsichtig weiter.

In der Küche fand er sie. Patricia Mayland lag in einer Lache aus Blut, das winzige Füße über den ganzen Fußboden verteilt hatten. An der hellen Küchenzeile klebte es ebenso wie an Tisch- und Stuhlbeinen sowie dem uTab, das neben ihr auf dem Boden lag. Ihr Körper war von Bisswunden entstellt, die Kleidung völlig zerfetzt. Sie hatte kaum noch Ähnlichkeit mit der Frau, die Noah vor wenigen Stunden angerufen hatte.

Noah war kein zartbesaiteter Mensch, aber in diesem Moment kämpfte er mit seinem Magen. Er würgte und eilte zur Spüle hinüber. Nur mit Mühe behielt er sein Frühstück bei sich.

Himmel, was war hier nur geschehen?

Über sich sah Noah eine Bewegung. Er schaute auf. Nur einen knappen Meter von seinem Kopf entfernt saß eine Ratte auf einem Regal zwischen Tassen und Gläsern und schaute zu ihm herab. Ihr Fell sah aus, als wäre sie in einen Eimer mit leuchtend blauer Farbe gefallen. Noah stieß einen Schrei aus und sprang zurück. Er kämpfte um sein Gleichgewicht. Dann rutschte er im Blut aus und schlug der Länge nach hin. Sein Kopf knallte gegen eines der Tischbeine und er spürte einen heftigen Schmerz.

Die Ratte kam langsam näher.

Noah versuchte aufzustehen, aber seine Füße fanden auf den blutverschmierten Fliesen keinen Halt. Schließlich drehte er sich um und kroch auf allen vieren zur rückwärtigen Küchenwand.

Eine Vase fiel von einem Schrank herunter und zerschellte auf dem Boden. Noah hob den Kopf. Auch dort oben saßen Ratten. Weitere Tiere krabbelten unter der Spüle oder hinter dem Kühlschrank hervor. Die Ratten waren nicht so groß wie das erste Tier, das immer noch zwischen den Gläsern und Tassen saß und ihn anstarrte. Auch ihr Fell sah aus, als wären sie durch eine Lackierstraße mit blauer Farbe gelaufen. Aber es war nicht nur ihr Fell, das sie von normalen Ratten unterschied, es war auch ihr Verhalten. Diese Tiere hatten keine Angst vor Menschen. Sie fletschten die Zähne und fauchten. Einige gingen aufeinander los, als wären sie Todfeinde.

Der Anblick der vielen Ratten half Noah auf die Beine. Er schob sich an der Wand hoch und stieß mit der Schulter gegen ein Telefon. Noah überlegte nicht lange. Er drückte den Notrufknopf, der ihn sofort mit der Polizeizentrale verband.

Es knackte. Dann wurde der kleine Bildschirm hell und zeigte das Logo der nächstgelegenen Polizeistation. Eine Computerstimme nahm den Anruf entgegen: »Vielen Dank, dass Sie die Notrufnummer der Polizei gewählt haben. Leider sind im Moment alle unsere Leitungen belegt. Möchten Sie warten oder es zu einem späteren Zeitpunkt erneut versuchen?«

»Warten!«, kreischte Noah. »Ich warte!«

»Sie möchten warten. Bitte haben Sie etwas Geduld. Sie sind derzeit an Platz …« Es knackte in der Leitung. »… 35.«

35? Noah traute seinen Ohren nicht. Das konnte doch alles nicht wahr sein! Was war denn heute los? Er schaute zur Tür hinüber und überlegte, wie schnell er dort sein konnte.

Die große Ratte fiepte. Als hätten sie seine Absicht erkannt, erschienen plötzlich weitere Nager auf der Schwelle der Küchentür und schnitten ihm den Fluchtweg ab.

Noah blickte sich panisch um. Es gab keinen zweiten Ausgang. Er saß in der Falle.

Die Ratten schienen das ebenso zu sehen. Sie setzten sich auf ein Kommando der Alpha-Ratte in Bewegung und kamen geschlossen näher. Noah löste sich von der Wand und wich zurück. Vielleicht konnte er durchs Fenster entkommen? Er lief am Küchentisch vorbei, aber auch da fauchte eine Ratte. Zum Fenster hinüber. Er rüttelte am Griff. Zog, drehte und drückte, doch der Griff bewegte sich nicht. In der Wand entdeckte er die Klappe einer Durchreiche, die ins Nebenzimmer führte.

Noah drehte sich um und war mit zwei Schritten bei der Durchreiche. Eine Ratte, die sich ihm in den Weg stellte, kickte er quer durch den Raum. Er legte seine flache Hand auf das Holz und versuchte, die Klappe zur Seite zu schieben. Sie saß fest. Noah konnte kaum noch klar denken. Er zog am Riegel der Klappe. Auch diesmal bewegte sie sich keinen Millimeter. Dann drückte er die Klappe nach oben und sie glitt butterweich in den Rahmen zurück. Mit beiden Händen ergriff Noah die hintere Kante der Durchreiche und sprang hindurch. Er hing halb in der Öffnung, als die ersten Ratten seinen Unterschenkel hinauf krabbelten. Vor Entsetzen strampelte er mit den Beinen und schüttelte einige von ihnen ab. Die Computerstimme aus der Polizeizentrale teilte ihm mit, dass er mittlerweile auf Platz 30 hochgerutscht war.

Noah war schlank und muskulös, aber kein sportlicher Typ. Um gesunde Ernährung hatte er immer einen großen Bogen gemacht. Himmel, er wohnte in Sydney und konnte noch nicht einmal surfen! Seine Muskeln hatte er den Genen seines Vaters zu verdanken und nicht der harten Arbeit in einem Fitnesscenter. Bislang hatte es in seinem Leben keinen Grund gegeben, etwas für seine Kondition zu tun. Das rächte sich jetzt. Noah brauchte seine ganze Kraft, um sich durch die enge Durchreiche zu zwängen.

Auf der anderen Seite ließ er sich fallen und stürzte ungeschickt auf den hellen Fliesenboden. Er stieß sich erneut den Kopf. Warum hatte die Frau nur überall diese verdammten Fliesen? Über ihm tauchte in der Durchreiche die erste Ratte auf. Noah kam auf die Beine und griff nach dem Verschluss der Klappe. Die Ratte nutzte die Gelegenheit und biss ihn in die Hand. Noah schrie auf. Er schlug seine Hand gegen den Holzrahmen, bis das Tier endlich losließ. Dann griff er erneut nach dem Riegel und zog die Klappe mit einem Ruck herunter. Noah warf sich herum und rannte zur Tür hinüber. Er wollte nur noch eines: so schnell wie möglich verschwinden. Und dann würde er sofort seinen Eintrag im Branchenverzeichnis löschen. Kammerjäger war definitiv nicht der richtige Beruf für ihn.

Nach ein paar Schritten sah Noah neben der Tür den Kadaver eines toten Labradors liegen. Also hatte Patricia Mayland doch einen Hund gehabt – genützt hatte er ihr nicht.

Noah drückte die Klinke herunter und stieß die Tür auf. Nach einem weiteren Schritt stand er auf dem Flur, der ihn zur Küche geführt hatte. Von dort kamen ihm bereits die ersten Ratten entgegen. Er drehte sich um und rannte den Flur entlang. Hinter ihm verschwanden die Bodenfliesen unter den Körpern unzähliger blauer Ratten.

Voller Panik stürmte Noah durchs Arbeitszimmer und gelangte von dort in den Garten. Noch immer folgten ihm die Ratten. Er wandte sich nach links, dem Weg zu, den er zuvor gekommen war. Bei jedem Atemzug schmerzte sein Körper, als würden sich seine Lungen mit Glassplittern füllen. Er war mit seinen Kräften am Ende und übersah den Rasenmäher-Roboter, der unbeeindruckt seine Arbeit verrichtete.

Noah stolperte und fiel der Länge nach hin. Er drehte sich auf den Rücken und erkannte mit Schrecken, dass die Ratten ihn fast erreicht hatten. Er rappelte sich auf und blickte zum Tor hinüber. Im gleichen Moment begriff er, dass er es niemals bis dorthin schaffen würde. Er brauchte einen neuen Plan. Nur ein paar Meter entfernt stand einer der Akazienbäume, die von der Terrasse zum Tor führten. Noah hatte keine Ahnung, ob die Ratten so versessen auf ihn waren, dass sie ihm auf den Baum folgen würden, aber ihm blieb keine andere Wahl. Er lief hinüber und zog sich an den Ästen hinauf. Er kletterte weiter nach oben, bis sein Gewicht für die immer dünner werdenden Äste zu schwer wurde. Dann erst hielt er inne und schaute keuchend nach unten.

Die Ratten hatten sich um den Baumstamm versammelt. Noah sah das irre Leuchten in ihren Augen.

»Verschwindet!«, rief er. Er überlegte kurz. Schließlich zog er seinen Schuh aus und warf ihn nach den Ratten. »Haut ab! Hört ihr?« Sein zweiter Schuh flog hinterher.

Noah versuchte, sich zu beruhigen. Als er wieder halbwegs klar denken konnte, holte er sein uTab aus der Tasche und schaltete es ein. Das Display zeigte »kein Netz«.

Scheiße, dachte Noah und steckte das Telefon wieder ein. In diesem Moment sprang die erste Ratte am Stamm hoch, krallte sich fest und lief wie an einer Leiter hinauf. Noah erstarrte und glaubte sich in einem Albtraum, als auch die anderen Ratten der ersten folgten. Er schaute nach oben. Er musste höher hinauf. Als er nach einem weiteren Ast griff, gab dieser unter seinem Gewicht nach. Beinahe wäre Noah in die Tiefe gestürzt. Die Ratten balancierten wie Seiltänzer über die Äste und würden ihn in jeder Höhe erreichen.

Noah schaute sich verzweifelt um. Einige der dünneren Äste bogen sich bis zum Terrassendach hinunter. Sie sahen zwar nicht besonders stabil aus, aber er hatte keine andere Wahl. Noah legte sich auf den Bauch und robbte Zentimeter um Zentimeter in Richtung des Terrassendachs. Der Ast unter ihm neigte sich bedrohlich. Unter ihm knurrte eine der Ratten. Noah hatte bislang noch nicht einmal geahnt, dass Ratten so etwas konnten. Dann brach der Ast und Noah stürzte in die Tiefe. Er warf die Arme nach vorne und bekam die Dachrinne an der Verankerung zu fassen. Deren Verschraubung gab ein beunruhigendes Geräusch von sich. Einen Moment lang hing er schaukelnd in der Luft, bevor es ihm gelang, sich auf das Terrassendach zu ziehen. Die Ratten liefen bis an den Rand des Astes und sahen von dort zu, wie ihr Opfer entkam.

Noah kletterte weiter, bis er auf das Hausdach gelangte, und von dort weiter bis zur höchsten Stelle. Völlig außer Atem saß er auf dem Dachfirst und schaute sich um. Ihm blieb die Luft weg. Im Stadtviertel brannte es an vielen Stellen. Er sah verunglückte Autos, von denen grauer Rauch aufstieg. Auf dem Nachbargrundstück lagen regungslose Gestalten, umringt von noch mehr Ratten. Plötzlich wurde Noah klar, dass sich die Ratten nicht nur dieses Grundstück ausgesucht hatten. Sie waren überall in der Straße. Und sie machten Jagd auf Menschen.

Noah ließ die Schultern sinken. So viele Ratten. Und seine Pestizide lagen unerreichbar für ihn im Kofferraum seines Wagens. Was hätte er für Geld machen können …

Copyright © 2016 Uwe Hermann

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